Erziehung und Bildung

Die Rolle und Verantwortlichkeit von KiTa-Leitung

28.03.2023

Autor: Karsten Herrmann 

KiTa-Leiter*innen nehmen bei der Qualitätsentwicklung der frühkindlichen Bildung eine zentrale Rolle ein – darüber sind sich eigentlich alle Expert*innen einig. Doch wie sehen dafür eigentlich die Rahmenbedingungen aus und kann die KiTa-Leitung die vielen unterschiedlichen Ansprüche und Anforderungen an sie überhaupt erfüllen? Diese Fragen standen im Zentrum einer Kooperationstagung von ver.di und nifbe auf der didacta in Stuttgart.

Zur Begrüßung unterstrichen Dr. Elke Alsago von ver.di und Dr. Karsten Herrmann vom nifbe die sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Rollenzuschnitte und Rollenverständnisse von KiTa-Leiter*innen. Grundsätzlich hätten diese einen Spagat zwischen dem Management immer größerer Einrichtungen auf der einen Seite und den pädagogischen Ansprüchen und Entwicklungen auf der anderen Seite zu meistern.

 

Kathrin Bock-Famulla, Leiterin des Bereichs frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung, zog in ihrem Auftaktvortrag eine Bilanz der Entwicklung der vergangenen Jahre und zeigte dringende Handlungsbedarfe auf.

Zunächst skizzierte sie so den gewaltigen Kraftakt des quantitativen Ausbaus der KiTas in Deutschland und die nach wie vor bestehenden „extremen Qualitätsunterschiede: KiTas sind oft nicht kindgerecht und frühe Bildungschancen wohnortabhängig“. Zudem sei nach wie vor der Platzbedarf von Eltern nicht gedeckt. Fachkräfte und insbesondere die KiTa-Leiter*innen sähen sich mit unterschiedlichen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Erwartungshorizonten an die frühkindliche Bildung konfrontiert – so z.B. die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf der einen und die qualitative hochwertige Bildung für Kinder mit der Kompensation von sozialen Ungleichheiten und einer besseren Chancengerechtigkeit auf der anderen Seite.

Aktuell, so Kathrin Bock-Famulla, gibt es in Deutschland rund 63.000 KiTa-Leiter*innen – und zwar mit völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen sowie „extrem heterogenen Verantwortungs- und Tätigkeitsbereichen“. Bis zu 25 Prozent der KiTas wie z.B. in Bremen seien dabei auch noch ganz ohne Zeit für Leitung. Nur 30 Prozent der ausgewiesenen KiTa-Leiter*innen können sich ganz auf ihre Leitungsaufgaben konzentrieren und für fast 50 Prozent ist die Leitung nur ein anteiliger Arbeitsbereich neben anderen wie der Gruppenleitung oder dem Einsatz als Springer*in. Insgesamt liegen die wöchentlichen Leitungszeiten auf ein Kind hochgerechnet zwischen 45 Minuten in Hamburg und 15 Minuten in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Viele KiTas noch immer ohne Leitungs-Kontingent

Kathrin Bock-Famulla stellte an dieser Stelle auch das Leitungs-Bemessungsmodell der Bertelsmann-Stiftung vor, das einerseits eine verlässliche Grundausstattung und andererseits eine Anpassung an die unterschiedlichen KiTa-Größen und die konkreten Bedingungen der jeweiligen Einrichtungen vorsieht. Die Grundausstattung liegt dabei bei 20 Stunden und der variable Anteil bei 0,35 Wochenstunden pro Ganztags-Betreuungs-Äquivalent. Bis zu 20 Prozent können noch für Verwaltungsaufgaben abgezogen werden, die der Träger zentral übernimmt.

„Über 80 Prozent der KiTas haben derzeit weniger Leitungszeit als nach diesem Modell“ fasste Kathrin Bock-Famulla zusammen und für die Realisierung dieses Modells würden in Deutschland bis 2030 je nach Szenario zwischen 7.000 und 38.000 KiTa-Leiter*innen fehlen.

Nach diesen quantitativen Betrachtungen nahm die Bertelsmann-Abteilungsleiterin die Tätigkeitsbereiche der KiTa-Leiter*innen näher in den Blick. Diese stünden in einer „doppelten Führungsverantwortlichkeit“, nämlich das Führen und Leiten der KiTa als Organisation und der KiTa als pädagogischer Raum. Der (sozial-)pädagogische Kern des Berufsbildes der KiTa-Leitung sei hierbei ausschlaggebend und „er sollte für das Leitungshandeln in KiTas die Basis darstellen, wodurch sich das Führungshandeln stark von dem in klassischen Unternehmen unterscheidet“.

Jonglage mit vielen Bällen

Wie Kathrin-Bock-Famulla weiter ausführte, „müssen Leitungskräfte in KiTas mit ganz unterschiedlichen Bällen jonglieren“ – von der Pädagogik über das Management und die Personal- und Teamentwicklung bis zur sozialräumlichen Vernetzung und Fachpolitik. Trotz ganz unterschiedlicher Aufgabenprofile und auch unterschiedlicher Leitungspersönlichkeiten plädierte sie dafür „ein Kernaufgabenprofil zu definieren“. Um die jeweiligen Führungs- und Leitungstätigkeiten systematisch zu identifizieren, zu reflektieren und ggf. auch zu priorisieren hat die Bertelsmann-Stiftung eine Praxishilfe entwickelt (Download hier).

Insgesamt, so Katrin Bock-Famulla, „ist die KiTa-Leitung Teil einer Verantwortungsgemeinschaft für die frühkindliche Bildung“. Diese setzt sich aus der einzelnen KiTa, dem, Träger, der Kommune, dem Land, dem Bund und auch der Wissenschaft sowie der Aus- und Weiterbildung zusammen. In diesem Sinne solle eine KiTa-Leitung auch mit dem Träger abstimmen, wo der jeweilige Verantwortungsbereich anfängt und endet. Wichtig sei die Partizipation über die verschiedenen Ebenen des Systems hinweg.

Teil einer Verantwortungsgemeinschaft

Für die professionelle Weiterentwicklung der KiTa-Leitung forderte sie abschließend insbesondere:

  • Die Entwicklung eines Leitbilds des Führens und Leitens von KiTas und die Verankerung auf allen Ebenen
  • Berufsbegleitende Weiterbildung und Beratung von Leitungskräften
  • Zusätzliche Verwaltungskräfte und ständige stellvertretende Leitungskräfte
  • Ausreichende zeitliche Ressourcen-Ausstattung für das Führen und Leiten von KiTas

 

Nach dem Vortrag diskutierten die Teilnehmer*innen gemeinsam die Fragen, wie es gelingen kann, die eigene Fachlichkeit zu erhalten und die entwickelten Kompetenzen einzusetzen – hier reichte das Spektrum der Gelingensbedingungen von verpflichtenden Weiterbildungen über Hospitanz und Kollegiale Beratung bis zum Reißleine ziehen und „Stop!“ sagen.

Auf einer abschließenden und von Elke Alsago moderierten Podiumsdiskussion zogen Vertreter*innen der verschiedenen Ebenen der „Verantwortungsgemeinschaft frühkindliche Bildung“ aus ihrer jeweiligen Perspektive Bilanz und benannten zentrale Herausforderungen.

"So schlimm war es noch nie"

Martina Meyer, KiTa-Leiterin und ver.di-Personalrätin aus München machte deutlich: „Nach 40 Jahren Praxis muss ich sagen: so schlimm war es noch nie und zwar sowohl personell wie strukturell“. Die Motivation, KiTa-Leiter*in zu werden sei kaum noch da und es bedürfe dringend einer Verbesserung der Handlungsfähigkeit und Entscheidungskompetenzen von KiTa-Leiter*innen.

 

Kathrin Bock-Famulla von der Bertelsmann-Stiftung sah die KiTa-Leitung mit einer „Vielzahl von Dilemmata konfrontiert, die nicht zur Zufriedenheit aller gelöst werden können“. Hier sei eine gesamtgesellschaftliche Diskussion notwendig und die KiTa-Leiter*innen müssten hierbei ihre Stimme hörbar machen und für sich eine „aktive Gestalterrolle“ reklamieren.

Christiane Münderlein, Vorständin Bildung und Soziales des Evangelischen KITA-Verbands Bayern e.V., unterstrich noch einmal die entscheidende Rolle von KiTa-Leiter*innen bei der Qualitätsentwicklung der frühkindlichen Bildung. Im Moment seien sie allerdings insbesondere mit „dem Aufräumen nach Corona“ und dem akuten Personalmangel beschäftigt. Es sei notwendig, die KiTas für die Zukunft aufzustellen und dafür die Leitung systematisch zu stärken. Ziel müsse eine „KiTa als agiles Unternehmen“ sein und dafür brauche es flexible Konzepte.

Klärung der Rolle und der Verantwortlichkeiten notwendig

Susanne Skoluda aus dem Ministerium für Bildung Rheinland-Pfalz mahnte angesichts „der riesigen Herausforderungen“ eine „Klärung der Rolle und der Verantwortung von KiTa-Leitung“ sowie eine „Professionalisierung der Träger“ an. KiTa-Leitungen müssen systematisch durch Grund-Qualifizierungen und kontinuierliche Weiterbildungen sowie durch Supervision und kollegialen Austausch gestärkt werden.

Die Fachtagung von ver.di und nifbe auf der didacta zeigte die ebenso wichtige wie derzeit auch prekäre Rolle von KiTa-Leitungen im System der Kindertagesbetreuung auf. Deutlich wurde, dass die Rahmenbedingungen deutlich verbessert und KiTa-Leitungen gezielt gestärkt und unterstützt werden müssen. Dazu braucht es auch einen bundesweiten Diskurs über deren Rolle und Kernaufgaben sowie nicht zuletzt ebenso eines Lautwerdens und einer Selbstermächtigung der KiTa-Leitung.

Download Präsentation Kathrin Bock-Famulla

Informationen und Vorlagen von ver.di für KiTa und KiTa-Leitung

Lese-Tipp: nifbe-Professionalisierungsheft KiTa-Leitung

Mit freundlicher Genehmigung des Nifbe

 

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Kontakt

  • Dr. Elke Alsago

    Bun­des­fach­grup­pen­lei­te­rin / Di­pl. So­zi­al­pä­d­a­go­gin, So­zi­al­ar­bei­te­rin, Dia­ko­nin

    030/6956-2115