Erziehung und Bildung

Kampf nach Anerkennung

10.07.2023

Kampf nach Anerkennung

Mit wachsendem Fachkräftemangel in den Kitas diskutiert und praktiziert man vermehrt eine Lösung des Problems: man holt Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in die Kitas. Allerdings reden die Menschen häufig aneinander vorbei, denn den Begriff Quereinsteiger kann man unterschiedlich verwenden. Die einen verstehen darunter die Fachschülerinnen und Fachschüler der Sozialpädagogik, die vorher eine andere Ausbildung abgeschlossen haben und nun ihre Praxisphasen in der Kita absolvieren. Die Nächsten sehen mit dem Beruf der Erzieherin verwandte Berufe, wie die Kindheitspädagogin oder die Heilerzieherin als Quereinsteigerinnen. Und wiederum andere denken an Menschen, die vorher in ihrer Ausbildung und ihrem beruflichen Leben nichts mit Sozialpädagogik zu tun hatten und nun in einer Kita pädagogischen Tätigkeiten verrichten.

Da der Begriff des Quereinstiegs sowohl die Ausbildung und das Studium als auch das Arbeitsfeld betrifft, haben alle aus ihrer Perspektive recht – und doch meinen sie etwas Unterschiedliches. Die Definition des digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bringt Licht ins Dunkel...

 

Quereinsteiger

Wer ist damit gemeint?

  • Jemand, der ein Studium absolviert, für das ihm bereits absolvierte Studienleistungen aus einem anderen Fach angerechnet werden.
  • Jemand, der an eine Schule oder Hochschule wechselt, für die er sich durch erbrachte Leistungen oder eine berufliche Ausbildung qualifiziert hat.
  • Jemand, der in einen beruflichen Bereich wechselt, ohne die darauf ausgerichtete Ausbildung absolviert zu haben. Synonym zu Seiteneinsteiger.

Quelle: Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: www.dwds.de/wb/Quereinsteiger

 

Wen brauchen wir in der Kita?

Schaut man aus der Perspektive des Fachkräftemangels auf die Quereinsteigenden, müssen wir folgende Fragen stellen: Wen brauchen wir in der Kita? Wen brauchen wir, um gute Bildungs- und Erziehungsarbeit in Kindertagesstatten zu leisten und zu gewährleisten? Und was ist notwendig, damit die Arbeit als auskömmliche Berufstätigkeit anerkannt ist und bleibt?

Betrachten wir dazu zunächst die historische Perspektive: Welche Anspruche wurden früher an Kinderinstitutionen gerichtet und wie hat sich die professionelle Bildungs- und Erziehungsarbeit in Kitas bundesweit entwickelt?

Die Professionalität in der Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertagesstatten ist im Vergleich mit anderen Professionen und Berufen in den westdeutschen Bundesländern ein ziemlich junges und schwer erkämpftes Phänomen. In der ehemaligen DDR etablierte man zunächst eine dreijährige Kindergärtnerinnenausbildung, die bereits in den 1970er-Jahren in ein dreijähriges Fachhochschulstudium überführt wurde. Die Arbeit im Kindergarten – als erste Instanz des Bildungssystems – war gesellschaftlich anerkannt und ermöglichte die qualifizierte und damit auskömmliche Erwerbstätigkeit in Vollzeit. Mit der Wende brach diese professionelle Entwicklung ab. Viele Kindergärtnerinnen wurden entlassen oder ihnen wurden die Stunden reduziert.

In Westdeutschland hingegen bedeutete die Kindertagesstatte (Krippe, Kindergarten, Hort) etwas Anderes. Bis Anfang der 1970er-Jahre war sie ausschließlich Kindern vorbehalten, deren Mutter ihre Kinder nicht betreuen konnten, etwa aufgrund von Berufstätigkeit. Der Schwerpunkt lag darauf, die Kinder zu versorgen. Erst die Bildungsreform und die Etablierung des Kindergartens als Elementarbereich in den 1970er-Jahren verschiebt den Fokus auf Bildungs- und Lernprozesse von Kindern. Das galt jedoch nur für den Kindergarten – also die Kinder von drei Jahren bis zur Einschulung – und war meist ein Halbtagsangebot. Alle anderen Angebote der Kindertagesstatten, wie Krippen und Horte, waren weiterhin auf Versorgung ausgerichtet. Die Arbeitsverhältnisse waren überwiegend in Teilzeit und dienten der Überbrückung zwischen Ausbildung und Ehe oder als Zuverdienst der Ehefrau.

Mutti macht das schon

Entsprechend der Bedeutung dieses Arbeitsfeldes und des niedrigen fachlichen Anspruchs, waren in den Kitas häufig Kinderpflegerinnen, aber auch Angelernte oder Ehrenamtliche und nur wenig ausgebildete Erzieherinnen tätig. Mitte der 1980er-Jahre hatten laut der Psychologin Sigrid Ebert – die seit Jahren den Beruf der Erzieherin beobachtet und wissenschaftlich dazu publiziert – weniger als sechzig Prozent aller Beschäftigten einen Abschluss als staatlich anerkannte Erzieherin. Immer wieder griff man bei Ausbaubemühungen der Kindertagesbetreuung auf Mütter zurück. Sie übernahmen die Betreuungsaufgaben entweder ehrenamtlich oder für eine kleine finanzielle Anerkennung. Auch der 1996 eingeführte Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz änderte nicht viel.

Erst die 2000er-Jahre brachten den Durchbruch in der frühkindlichen Bildung. Im Dezember 2001 zeigte die Pisa-Studie ihre Ergebnisse. Sie trafen in Deutschland auf eine Situation, die durch den Terrorangriff vom 11. September in New York, durch anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und steigenden Rechtsextremismus geprägt war. Ähnlich wie beim Sputnik-Schock 1957 bestand große Verunsicherung. Der Begriff des Bildungsnotstandes und damit verbunden die Sorge um den Verlust von Wirtschaftskraft und gesellschaftlichem Zusammenhalt, standen im Raum. Das alles lenkte den Blick auf die frühe Bildung und das Lernen von Kindern in Kindertageseinrichtungen. Bildungsgerechtigkeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind seitdem die prägenden Ansprüche an das System der Kindertageseinrichtungen.

Alles nach Plan

Der Bund baute die „Nationale Qualitätsinitiative“ weiter aus und führte fünf große Projekte in der Verbindung von Wissenschaft und Praxis zur Qualität in Kitas und im Trägersystem durch. In den Ländern wurde an Bildungsplanen für die Kitas gearbeitet und Programme zur Sprachbildung wurden aufgelegt. Jugendminister- und Kultusministerkonferenz beschlossen 2004 einen „Gemeinsamen Rahmen für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen“. In den Jahren 2003 bis 2007 veröffentlichten alle Bundesländer ihre Bildungspläne.

2005 stellte die Bosch-Stiftung das Programm „Profis in Kitas“ (PiK) vor und entwickelte und erprobte an fünf Hochschulstandorten frühpädagogische Studiengange. Gleichzeitig wurde die Erzieherinnenausbildung ausgebaut und 2013 als gleichwertig mit dem Bachelorabschluss in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeordnet. Es gab eine breite Bewegung, getragen von Politik, Verwaltung, Träger, Wissenschaft und den Fachkräften, die frühkindliche Bildung gemeinsam weiterzuentwickeln und bedarfsgerecht auszubauen. So trat 2013 der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz in Kraft. Und im Jahr 2026 folgt nun der Rechtsanspruch auf eine Ganztagesbetreuung für Grundschulkinder. Bundesweit debattierte man um die Qualität der frühkindlichen Bildung. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf Standards für den Fachkraft-Kind-Schlüssel und die Leitungsstunden. Praktikerinnen und Praktiker legten ihre Überlegungen zu Standards vor, wie etwa 2013 die Verdi-Broschüre „Verwirklichung von Kinderrechten braucht bundesweit einheitliche Mindeststandards“. Verbände erarbeiteten Vorlagen. Bund und Länder machten sich auf den Weg und legten im sogenannten Zwischenbericht 2016 mit dem Titel „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ wünschenswerte Standards mit der Perspektive eines Qualitätsgesetzes unter Beteiligung des Bundes vor. Raus kam das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“. Ob es ein gutes Gesetz ist? Das ist eine andere Geschichte.

Parallel führten die Beschäftigten – zu 95 Prozent Frauen – selbst ihren Anerkennungskampf. Sie forderten, dass man die gestiegenen Ansprüche an die frühkindliche Bildung und an ihre Professionalität auch entsprechend anerkennen und vergüten muss. So kam es 2009 und 2015 zu nie da gewesenen Streikbewegungen der Beschäftigten in der Sozialen Arbeit im öffentlichen Dienst – vor allem der Frauen aus den Kitas. Sie erreichten, dass Fachkräfte in den Sozial- und Erziehungsberufen eine eigene Entgeltordnung bekamen, dass Lohne stiegen und das Einstiegsgehalt von Erzieherinnen aktuell bei etwa 3.000 Euro liegt und Leitungskräfte in größeren Kitas deutlich mehr verdienen als in früheren Zeiten. Außerdem gibt es Zulagen seit 2022 für Anleiterinnen und zwei Regenerationstage.

Das heißt, seit über zwei Jahrzehnten bemühen sich Frauen und wenige Männer aus Fachpraxis, Ausbildung, Hochschulen, Administration, Politik und Gewerkschaften darum, die frühkindliche Bildung, die Professionalität und die Anerkennung dessen in diesem Feld weiterzuentwickeln, und es lassen sich viele Erfolge verzeichnen.

Qualität und Quantität

Doch der vorangetriebene Ausbau des Systems der Kitas ohne den entsprechenden Ausbau des sozialpädagogischen Ausbildungssystems führte zu einem eklatanten Fachkräftemangel. Es wurden und werden deutlich zu wenig Lehrkräfte für Sozialpädagogik an den Universitäten ausgebildet und die Berufsfach- und Fachschulen nicht um die notwendigen Kapazitäten erweitert.

Nun sollen es die Quereinsteigenden richten? Wichtig für Kinder, Eltern, Fachkräfte und unsere Gesellschaft ist, dass die bislang erreichte Qualität in den Kitas und die Professionalität der pädagogischen Fachkräfte erhalten bleibt – und sich weiterentwickelt. Denn die steigenden pädagogischen Ansprüche durch Fluchtbewegungen, Digitalisierung, Transformation, Belastung durch Kriege und ökologische Nachhaltigkeit verlangen danach. Die fachlichen Ansprüche sind hoch.

Gut gewappnet ist der erste Typus der Quereinsteigenden, der in die Ausbildung zur Erzieherin einsteigt und den Abschluss als Erzieherin auf Bachelor-Ebene erwirbt (DQR 6). Die Fachhochschule prüft die Leistungen und verleiht die Berufsbezeichnung unabhängig davon, ob ein Quereinstieg vorliegt oder die klassisch absolvierte Ausbildungsform. Hier kann man auch nicht von einem Quereinstieg in das Arbeitsfeld Kita sprechen.

Doch was ist mit den sogenannten Seiteneinsteigenden? Also jenen, die in der Kita pädagogisch arbeiten, ohne die darauf ausgerichtete Ausbildung absolviert zu haben? Für die es in den Bundesländern Bezeichnungen gibt wie „Helfende Hände“ oder „Helfende Hände mit Herz“, wie man die Quereinsteigenden etwa in Schleswig-Holstein oder Bayern nennt. Interessant ist dabei, dass nur von Herzen und Händen die Rede ist. Ein Kopf zum Denken ist nicht benötigt.

Professionalität ist nicht mehr gefragt. Mit der Voraussetzung Sprachniveau B2 lassen sich in Bayern 200 Unterrichtsstunden absolvieren und dann geht es in die Kita als sogenannte Assistenzkraft. Laut Ministerium ist ihr Einsatz zusätzlich zur Fach- und Ergänzungskraft gedacht. Doch wann sind eigentlich beide Stellen besetzt oder beide Kolleginnen anwesend? In der Praxis ist es in der Regel so, dass die gesamte Arbeit in der Kita auf die Assistenzkraft mit dem Einführungskurs wartet. Die Ansprüche auf individuelle Begleitung von Entwicklungsprozessen von Kindern, auf reflektierte Steuerung von Gruppenprozessen, auf die Beratung von Eltern in Krisen und das Netzwerken im Sozialraum können wir an die „Helfenden Hände mit Herz“ und diese Assistenzkräfte nicht stellen. Sie sind dafür nicht ausgebildet.

Zurück in die Siebziger

Das müssen dann die verbleibenden Fachkräfte auffangen und ausgleichen. Für die entstehenden fachlichen Probleme werden die noch vorhandenen Erzieherinnen und Erzieher individuell verantwortlich gemacht, während die Länder durch ihre Regelungen den Anspruch auf frühkindliche Bildung aufgegeben haben. Damit fallen die Einrichtungen in Zukunft fachlich auf den Stand der frühen 1970er-Jahre zurück. Zu befürchten ist, dass viele der Fachkräfte mit der Geschichte der letzten zwanzig Jahre im Rücken, ihrer guten Qualifizierung und ihren fachlichen Ansprüchen die Segel streichen und sich andere Arbeitsfelder suchen.

Neben der fachlichen Entwertung bringt der Einsatz der unqualifizierten Quereinsteigenden auch finanzielle Entwertung mit sich. Es entstehen Arbeitsplatze mit niedrigen Löhnen, die nur für einen Zuverdienst taugen. Auch das wäre ein deutlicher Rückfall in Zeiten, in denen das Gehalt der Kindergärtnerin einen Zuverdienst darstellte.

Wenn die aktuelle Krise es nötig macht, in den Kitas Quereinsteigende einzustellen, dann ist es notwendig, diese so zu qualifizieren, dass sie als Fachkräfte einsetzbar sind. Es gilt, ihre Beschäftigung mit den sozialpädagogischen Ausbildungen zur Sozialassistentin (DQR 4) und zur Erzieherin (DQR 6) zu verknüpfen, um die Tätigkeit als Fachkraft zu ermöglichen. Ansonsten setzen Länder und Träger bewusst die schwer errungene Professionalität und deren gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung aufs Spiel.

 

Mit freundlicher Genehmigung der TPS-Redaktion.
Autorin: Dr. Elke Alsago

 

Kontakt

  • Dr. Elke Alsago

    Bun­des­fach­grup­pen­lei­te­rin / Di­pl. So­zi­al­pä­d­a­go­gin, So­zi­al­ar­bei­te­rin, Dia­ko­nin

    030/6956-2115