Erziehung und Bildung

KiTa-Leitung: Trotz Dilemma handlungsfähig bleiben

Von Karsten Herrmann
23.02.2024

KiTa-Leiter*innen sind aufgrund des dramatischen Fachkräftemangels und einer Vielzahl anderer aktueller Herausforderungen in einem Dilemma: Die pädagogischen Ansprüche stehen in einem ständigen Widerspruch zu dem, was unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen machbar erscheint. Wie können sie aber trotzdem handlungsfähig und ihrer Profession treu bleiben? Diese Fragen standen im Fokus eines gemeinsam von ver.di und nifbe veranstalteten Fachtag für KiTa-Leiter*innen auf der didacta in Köln.

 
Gerlinde Schmidt-Hood

Zum Auftakt fragte nifbe-Moderatorin Gerlinde Schmidt-Hood soziometrisch ein Stimmungsbild der Teilnehmer*innen ab, die jeweils zur Hälfte von kommunalen und freien Trägern kamen. Es zeigte sich dabei unter anderen, dass ihre KiTas aktuell alle von Personalmangel sowie gekürzten Öffnungszeiten oder Gruppenschließungen betroffen sind und dass auch die eigentliche freigestellten Leiter*innen regelmäßig Notdienste in den Gruppen übernehmen müssen. Die Jonglage mit den Personalausfällen und die fast aussichtslose Suche nach qualifiziertem Personal scheint dabei viele Leiter*innen und ihre Teams stark zu belasten. „Manchmal frage ich mich, ob ich noch ein Team leite oder eine Psychiatrie“ brachte es eine Leiterin provokant auf den Punkt.

 

 


Anforderungen an und Kernauftrag von KiTa-Leitung

In einem ersten Impuls umriss Dr. Elke Alsago von ver.di die hohen Ansprüche und den professionellen Auftrag und Charakter von KiTa-Leitung: Diese würde im aktuellen Diskurs u.a. als die entscheidende Stellschraube für Qualitätsentwicklung gesehen. Zugleich hätten sich die Anforderungen durch immer größere KiTas und längere Verweilzeiten der Kinder, durch Krisen und Kriege oder gesellschaftliche Entwicklungen wie Kinderarmut oder Digitalisierung massiv erhöht. Aber, so kritisierte sie: „Die Funktion und Ausstattung von KiTa-Leitung ist nicht an die aktuellen Entwicklungen und Ansprüche angepasst worden.“

 
Dr. Elke Alsago

Prägnant zeigte Elke Alsago in der Folge den Kernauftrag von KiTa-Leitung auf, nämlich die Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder. Ziel der Erziehung sei es, gemeinsam mit den Eltern Kinder in unsere Gesellschaft hinein zu sozialisieren und sie auf dem Weg zu gemeinschafts- und demokratiefähigen Bürger*innen zu begleiten und zu stärken. Erziehung sei in diesem Sinne „zweckgerichtet“ sowie „halt- und regelgebend“ und bedürfe der ständigen Reflexion der Leiter*innen und Fachkräfte in den KiTas. Kern der immer ganzheitlich und inklusiv zu verstehenden Bildung in der KiTa sei es wiederum, das Selbstkonzept der Kinder zu stärken und ihnen grundlegenden Kompetenzen zu vermitteln. Entgegen der aktuellen Diskussion, in der „Betreuung“ eher negativ konnotiert wird, sei diese aber auch hoch anspruchsvoll: Hier gehe es um Sorge, Zuwendung und Achtsamkeit und damit insgesamt um das Kindeswohl und den Kinderschutz. Grundsätzlich, so Elke Alsago, gehe es in der sozialpädagogischen Arbeit in der KiTa auch immer um das Individuum sowie dessen entsprechende Interaktionen in der Gruppe und mit den Fachkräften. „Das Tun der Fachkräfte ist dabei nicht planbar und nicht standardisierbar. Jede Aktion ist einmalig und unabgeschlossen“ resümierte sie.

Verantwortungsgemeinschaft

Deutlich machte Elke Alsago, dass für die anspruchsvolle Aufgabe der Erziehung, Bildung und Betreuung nicht allein die KiTa-Leitung und die Fachkräfte verantwortlich seien, sondern das Gesamtsystem mit Politik, Trägern und Unterstützungssystemen als professionelle Verantwortungsgemeinschaft. Ganz klar stellte sie an dieser Stelle auch die genuine Verantwortung der Träger für die Kinder und die Beschäftigten heraus. Der Träger habe gerade auch in der aktuellen Krisensituation seiner Fürsorgepflicht nachzukommen. In vielen Kitas drohe sonst aufgrund der personellen Unterbesetzung eine „institutionelle Kindeswohlgefährdung“.

 
Arbeitsgruppe

Nach einer Austausch- und Arbeitsphase der Teilnehmer*innen zeigte Elke Alsago in einem zweiten Impuls auf, wie gefährdet die Professionalität des Systems sowie der Leiter*innen und Fachkräfte gerade ist. Durch die aktuellen Krisen und Überforderungen drohe „eine Entfremdung von der eigenen beruflichen Identität und ein Umschalten in den ‚Überlebensmodus‘“ – mit der Gefahr von restriktivem Handeln in der KiTa, Burnout und dem Verlassen des Berufes. Diesen „Teufelskreis“ gelte es zu überwinden, indem Leiter*innen mit ihren Teams konsequent Grenzen ziehen und sich (wieder) selbst ermächtigen.

Konsequent Grenzen setzen und sich (wieder) selbst ermächtigen

Hierfür regte Elke Alsago an, in Absprache mit dem Träger und gemeinsam mit dem Team einen „Notfallplan“ für die KiTa zu entwickeln. Dafür stellte sie auch das „Personalbarometer“ von ver.di vor. Im Notfallplan könne zunächst ein KiTa-Tag mit seiner Länge und seinen Inhalten auf Grundlage der eigenen pädagogischen Ansprüche durchdekliniert werden. Bei Personalausfällen gelte es dann konsequent zu reagieren und das Angebot zu kürzen – von den Öffnungszeiten über Gruppen- bis hin zu KiTa-Schließungen und der entsprechenden Meldung beim Landesjugendamt. Sie empfahl, das Thema Personalunterbesetzung und der entsprechenden Folgen auch in das jeweilige Kinderschutzkonzept mit aufzunehmen – ein bisher wohl weitgehend unbeachteter Aspekt. Eindringlich mahnte Elke Alsago abschließend an, bei Personalunterbesetzungen in der KiTa konsequent das Instrument der Gefährdungsanzeige zu nutzen und somit auch dem Träger die Möglichkeit zu geben, zu reagieren.

 
Arbeitsgruppe

Handlungssicherheit, Transparenz und Verlässlichkeit als Ziel

In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmer*innen zeigte sich, dass Notfallpläne in den KiTas bisher nur teilweise vorhanden, oftmals eher vom Träger vorgegeben oder aber aktuell in der Entwicklung sind. Viele KiTas befinden sich daher noch in einem „adhoc-Modus“, in dem sie jeweils wieder neu abwägen und entscheiden müssen. Vorteile eines Notfallplans wurden insbesondere in puncto „Handlungssicherheit“, „Transparenz“ und „Verlässlichkeit“ gesehen. Klar herausgestellt wurde aber, dass auch ein Notfallplan nicht für jede Eventualität eine Antwort habe und dass in der aktuellen Situation jeweils wieder individuell abgewogen und entschieden werden muss.

Zu den Materialien von ver.di rund um Fachkräftemangel und Personalbaramoter geht es hier

 

Kontakt

  • Dr. Elke Alsago

    Bun­des­fach­grup­pen­lei­te­rin / Di­pl. So­zi­al­pä­d­a­go­gin, So­zi­al­ar­bei­te­rin, Dia­ko­nin

    030/6956-2115